Infascelli-Tudisco Fütterungsstudien

Infascelli / Tudisco / Mazza - Studien

Die 3. Schlagzeile „Aus Pestizid-Pflanzen werden Gensequenzen in das Erbmaterial von Tieren und Menschen eingebaut. Die Auswirkungen sind ungewiss!“ oder auch "Italienische Mediziner fanden jetzt heraus, dass Genfutter die Erbanlagen verändert" (Mark Perry, Kronenzeitung, November 2005) kann so nicht direkt mit den Fütterungstudie in Verbindung gebracht werden. Sie wurden aus einer Reihe von Studien italienischer Wissenschaftler ( Mazza et al. (2005); Malatesta et al. (2008) und aus der Arbeitsgruppe um Prof. Infascelli) journalistisch  abgeleitet.

Diesen Studien gemeinsam ist, dass nach Fütterung der Tiere mit gv-Soja oder gv-Mais Bruchstücke der neueingeführten DNA-Sequenzen (rDNA) im Gewebe bzw. in Fleisch und Milch sowie Veränderungen in Enzymaktivtäten und zellmorphologische Veränderungen im Darm, Leber usw. nachgewiesen wurden.

Zu den Schlagzeilen: In keiner der Studien wurde untersucht, ob die DNA-Bruchstücke in die genomische DNA eingebaut wurden oder exprimiert werden. Selbst die Autoren führen aus, dass sie keine funktionellen Änderungen in den Erbanlagen erwarten.

Infascelli - Tudisco Fütterungsstudien mit gv-Sojabohnen an Lämmern, Ziegen und Kaninchen

Die Arbeitsgruppe von Prof. Infascelli hat den Einfluss von gv-Soja auf die Entwicklung von Ziegen, Lämmern und Kaninchen untersucht. Das methodische Vergehen war immer recht ähnlich; angepasst an das Untersuchungsobjekt. In letzten der Publikation „Genetically modified soybean in a goat diet: Influence on kid performance” von Tudisco et al. (2015) (2) werden Unterschiede in den IgG-Gehalten von Kolostralmilch (Biestmilch), Serum sowie in den Schlachtgewichten der Ziegenlämmer nach Fütterung von gv-Soja (MON 40-3-2) im Vergleich zur Kontrolle aufgezeigt. Genau wie in den vorangegangenen Arbeiten wurden auch im Gewebe und in der Biest-/Muttermilch Bruchstücke rekombinierter DNA gefunden.
  • Die Geburtsgewichte der Bocklämmer unterscheiden sich in den Kontroll- und in den Testgruppen nicht und sind unabhängig von der Menge des eingesetzten Sojamehls.
  • Die Schlachtgewichte sind bei den mit Kolostral- bzw. Milch ernährten Lämmern von gv-gefütterten Muttertieren niedriger als die aus der Kontrollgruppe. Eine Dosisabhängigkeit der Schlachtgewichte ist nicht feststellbar. In den Körpermaßen unterscheiden sich die Lämmer in Bezug auf Widerristhöhe und Brustumfang geringfügig, während bei den Gewichten der Organe keine Unterschiede auftreten.
  • Der Fett- und Proteingehalt in der Kolostralmilch von mit konventionellem Sojamehl gefütterten Muttertieren ist signifikant höher, als der bei den mit gv-Sojamehl gefütterten. Nach 15 Tagen bestehen in den Fett- und Proteingehalten der Milch beider Gruppen keine Unterschiede mehr.
  • Die IgG-Gehalte (Titer) in der Kolostralmilch und im Serum von Nachkommen der von mit konventionell gefütterten Muttertieren sind höher als bei den mit gv-Sojamehl gefütterten.
  • DNA-Fragmente aus konventionellen und gv-Soja werden in der Kolostralmilch mittels Polymerasenkettenreaktion (PCR) detektiert.
Die Autoren vermuten, dass die Verfütterung von gv-Sojamehl gravierende Auswirkungen auf das Immunsystem der Muttertiere hat und Inhaltsstoffe aus dem gv-Soja die Produktion von IgG-Antikörpern inhibieren und zu verringerten Protein- und Fettgehalten in der Biestmilch führen.

Der Spurennachweis des DNA-Fragments des CP4-EPSPS Gens ist zweifelhaft, da die elektrophoretische Wanderung des Fragments aus den Versuchsgruppen im Gel geringer ist als die der Positivkontrolle. Zur Verifizierung der Identitäten der Fragmente wäre eine Sequenzierung notwendig gewesen. Auffällig ist, dass die Abbildungen 1 und 3 aus den Publikationen 2015 (2) und 2010 (3) augenscheinlich identisch sind, lediglich die Beschriftung wurde angepasst.

Die Arbeit weist mehrere gravierende methodische Mängel auf, die eine Bewertung der Daten und Rückschlüsse auf die Entwicklung der Bocklämmer nicht erlauben. Aufgrund der methodischen Mängel in der Versuchsanstellung sind aus dieser Arbeit keine Aussagen zum Gefährdungspotential von gv-Soja in der Fütterung von Ziegen und die daraus folgenden Einflüsse auf die Entwicklung der Nachkommen wissenschaftlich begründet ableitbar.
  1. Tudisco R., Calabro S., Cutrignelli M.I., Mopniello, G., Grossi M., Mastellone, V., Lombardi B., Pero M., Infascelli F. (2015): Genetically modified soybean in a goat diet: Influence on kid performance. Small Ruminant Research, http://dx.doi.org/10.1016/j.smallrumies.2015.01.023
  2. Tudisco R., Mastellone V., Cutrignelli M.I., Lombardi B., Bovera F., Mirabella N., Piccolo G., Calabro S., Avallone L., Infascelli, F. (2010): Fate oftransgenic DNA and evaluation of metabolic effects in goats fed genetically modified soybean and in their offsprings. Animal 4, 1662-1671, doi:10.1017/S1751731110000728
  3. Mastellone V., Tudisco R., Monastra G., Pero M. Calabro S., Lombardi P., Grossi M., Cutrignelli M., Avallone L., and Infascelli F. (2013): Gamma-glutamyl transferase activity in kids born from goats fed genetically modified soybean. Food and Nutrition Sciences: 4, 50-54  * Arbeit zurückgezogen
Detailierte Stellungnahme zur Publikation von Tudisco et al. (2015): Genetically modified soybean in a goat diet: Influence on kid performance”

BfR-Kommission für genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel: Gentransfer aus Futterpflanzen auf höhere Tiere  

Anlass:

Wissenschaftliche Publikationen wie die zuletzt von Tudisco et al. (2010) in der Zeitschrift „Animal“ veröffentlichte Studie mit dem Titel „ Fate of transgenic DNA and evaluation of metabolic effects in goats fed genetically modified soybean and in their offsprings ” lösen immer wieder Diskussionen aus über eine mögliche Gefährdung der Gesundheit von Mensch und Tier durch den Verzehr von Lebens- und Futtermitteln aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO). Dies war Anlass für die BfR-Kommission für genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel, sich am Beispiel dieser Studie mit der Thematik des Gentransfers und dessen potenziellen Auswirkungen zu befassen.

Ergebnis:
Die Kommission kam nach kritischer Prüfung der Veröffentlichung von Tudisco et al. (2010) zu der Einschätzung, dass sich aus der Studie keine neuen Erkenntnisse hinsichtlich eines Transfers rekombinanter DNA aus gentechnisch veränderten Pflanzen auf höhere Tiere und dessen potentielle Auswirkungen ableiten lassen. Der Übergang und der vorübergehende Verbleib von mit der Nahrung aufgenommener DNA-Fragmente in Gewebe von Tieren ist ein natürlicher Vorgang. Ein per se höheres Risiko durch rekombinante DNA-Sequenzen aus gentechnisch veränderten Pflanzen ergibt sich hieraus nicht.
Die vollständige Stellungnahme unter: http://www.bfr.bund.de/cm/343/gentransfer_aus_futterpflanzen_auf_hoehere_tiere.pdf

und zusätzlich:
Comments - Tudisco et al 2010
Gen-Futter tötet Kühe und Schafe
Anmerkungen: Die Publikationen von Tudisco et al. wurden instrumentalisiert.

Unter dem Titel „Gentechnik-Soja beeinträchtigt Entwicklung bei Nachkommen von Ziegen“ nimmt der Gentechnik kritische Lobby-Verein TestBiotech eine weitere Veröffentlichung der Arbeitsgruppe um Tudisco (1) zum Anlass, erneut die Anforderungen für die Risikobewertung von gentechnisch veränderten (gv-)Pflanzen durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu kritisieren. Nach Ansicht von TestBiotech würden Einflüsse von Produkten aus gv- Pflanzen auf das Immunsystem von Tieren durch die EFSA nicht berücksichtigt und daher „könnten Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit nicht ausgeschlossen werden“.

Anlässlich einer Anhörung im Juli 2015 im italienischen Senat zu einem möglichen Verbot der Grünen Gentechnik stellte Prof Infascelli seine Forschungsarbeiten als Beweis für die Gefährlichkeit von gv-Pflanzen und iihren Produkten für Tier und Mensch vor. Die Darstellung war recht einseitig
und Frau Prof. E. Cattaneo (Senatorin auf Lebenszeit) fielen Unstimmigkeiten in Daten und Abbildungen auf. Insbesondere erschienen ihr einige Abbildungen „verdächtig“. Die Abbildungen waren augenscheinlich identisch, aber sollten in unterschiedlichen Arbeiten unterschiedliche Sachverhalte (Ergebnisse) wiederspiegeln.  Sie wollte die erkannten Unstimmigkeiten erläutert haben und veröffentlichte ihre Fragen in einem offenen Brief ( as an open letter (translated)).
Der Brief wurde von Prof. Infascelli ignoriert bzw. nicht beantwortet. Sie analysierte daraufhin die Publikationen und erkannte weitere Unregelmäßigkeiten. Daraufhin wandte sich Prof. Cattaneo sich an den Herausgeber des entsprechenden Journals. Eine Prüfkommission bestätigte die Unstimmigkeiten und die Publikation (3) wurde zurückgezogen.  Weitere Arbeiten stehen zur Disposition ( Nature; Italian papers on genetically modified crops under investigation), da die Ergebnisse manipuliert seien.

Mazza-Studie

Mazza et al. (2005) analysierten den möglichen Übergang von genetischem Material (DNA) aus transgenem und konventionellem Mais ins Blut und in Gewebe nach Fütterung von Ferkeln. Grundsätzlich zeigt die Untersuchung - wie auch andere Arbeiten - dass sich rekombinierte DNA nicht anders verhält als „konventionelle“ DNA. Im Magen-Darm-Trakt-wird das genetische Material nicht gänzlich in die einzelnen Nukleotide abgebaut und kurzkettige DNA-Fragmente blieben erhalten. Diese werden größtenteils mit den Fäzes ausgeschieden, aber auch in geringem Maße kann DNA über die Darmschleimwand ins Blut und in andere Gewebe übergehen.
Mazza et al. weisen in ihrer Arbeit den Übergang eines 519 bp-großem Fragments des cry1A(b) Gens ins Blut und in andere Gewebe nach. Den Übergang des funktionellen cry 1A(B) Gens oder eines Fragments (ca. 1200 bp), das möglicherweise noch funktionelle Eigenschaft aufweisen könnte, ließ sich jedoch im Blut oder den untersuchten Geweben nicht detektieren. Nicht in allen Experimenten ließ sich  das cry1A(B)-Fragment wie auch ein entsprechenden single copy-Gen (sh-2) aus dem konventionellen Mais nachweisen. Nicht gänzlich unerwartet ist aus physiologischen Gründen der Befund, dass die Nachweisrate der Gene im Blut am höchsten und im Muskelgewebe außerordentlich gering ist. Dies zeigt, wie auch die Autoren diskutieren, dass die DNA im Blut und in den Geweben weiter degradiert wird, wobei es unerheblich ist, ob es sich um konventionelle DNA oder rekombinierte DNA handelt. Offensichtlich lässt sich die DNA, hier von single-copy Genen, nur temporär in den Geweben nachweisen. Die DNA ist somit nicht stabil und wird weiter zu Nuklelotiden abgebaut. In keinem Fall konnte jedoch eine Integration der rDNA in das tierische Genom nachgewiesen werden.
Diese Ergebnisse von Mazza et al. wurden an Schweinen, den Monogastern, gewonnen. Bei Kühen mit ihrem besondern Magenaufbau und dem effektiven mikrobiellen Abbau von hochmolekularen Futtermittelinhaltsstoffen im Pansen kann zwar ebenfalls einem Übergang von kleinen DNA-Fragmenten ins Gewebe gerechnet werden, aber die Untersuchungen von Mazza et al. legen nahe, dass die DNA-Fragmente im Organismus weiter abgebaut werden und nicht mehr in die Rohmilch gelangen.

Die Autoren gehen nicht davon aus, dass Bruchstücke der rekombinierten DNA (rDNA aus dem Bt-Mais) in das Genom der Tiere eingebaut wird oder, dass diese rDNA die Erbanlagen der Schweine verändern würden. Sie selbst schätzen das mögliche Gefährdungspotential der rDNA im Blut und anderen Geweben nicht anders oder höher ein als das der DNA aus konventionellem Mais.
 
Die Untersuchungen vom Mazza et al. erbringen grundsätzlich nichts Neues in Bezug auf den Nachweis und Bedeutung von gentechnisch eingeführter DNA und die Qualität von Fleisch oder Rohmilch nach Fütterung von Milchkühen mit transgenem Viehfutter.


  Mazza et al. (2005): Assessing the transfer of genetically modified DNA from feed to animal tissues. Transgenic Research (2005) 14, 775-784
►  Malatesta et al. (2008): A long-term study on female mice fed on a genetically modified soybean: effects on liver ageing. Histochem Cell Biol.139,
    967-977
Panchin & Tuzhikov (2016) haben in ihrem Beitrag publizierte Fütterungsstudien in einem optimierten statistischen Verfahren ausgewertet. Ihr Ergebnis: Die Studien erbringen keinen Nachweis für die  Behauptungen zur gesundheitlichen Gefährdung der untersuchten gv-Produkte.

Abstract: A number of widely debated research articles claiming possible technology-related health concerns have influenced the public opinion on genetically modified food safety. We performed a statistical reanalysis and review of experimental data presented in some of these studies and found that quite often in contradiction with the authors’ conclusions the data actually provides weak evidence of harm that cannot be differentiated from chance. In our opinion the problem of statistically unaccounted multiple comparisons has led to some of the most cited anti-genetically modified organism health claims in history. We hope this analysis puts the original results of these studies into proper context.
  
       Ausschnitt aus Tabelle 1:                  Study                         before Bonfferoni             Number of multiple            After Bonfferoni
                                                                                                correction                      comparisons                    correction
                Female mortility                    Seralini et al. (19)           Claim not supported                See text                Claim not supported
                Organ mortality                    Seralini et al. (19)           Claim not supported                    60                     Claim not supported
                Liver proteome/histology        Malatesta et al (25)        Claim supported                       1400                     Claim not supported

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Panchin A.Y. and Tuzhikov A. I. (2016): Published GMO studies find no evidence of harm when corrected for multiple comparisons. Crit Rev Biotechnol, Early Online: 1–5  DOI: 10.3109/07388551.2015.1130684     
 

Es ist zwar ein Skandal, wenn wissenschaftliche Daten nicht valide oder gar gefälscht sind, aber der eigentliche Skandal in Bezug auf die Sicherheit gentechnisch veränderter Erzeugnisse ist, dass diese Unzulänglichkeiten in den deutschsprachigen Medien (hier Deutschland, Österreich) kaum kommuniziert wurden, während die entsprechenden Studien und die daraus abgeleiteten Unsicherheiten von gv-Lebensmitteln ausführlich dargestellt wurden.

Lebensmittel sind besser als ihr Ruf. Dank technischen und wissenschaftlichen Fortschritts steht eine große Angebotspalette qualitativ hochwertiger und sicherer Lebensmittel zur Verfügung. In Bezug auf unsere Ernährung und Gesundheit gehen von Lebensmitteln kaum Gefährdungen aus. Die größten Risiken gehen im unsachgemäßen Umgang mit Lebensmittel und dem Ernährungsverhalten aus.
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